Vom Umgang mit Ungewissheit

Jeder von uns begegnet auf dieser Reise seiner persönlichen Nemesis. Für Mia ist es, dazu gezwungen zu sein, mit der Unordnung der restlichen Familienmitglieder in einem eng begrenzten Hotelzimmer klar zu kommen. Für Lini das konzentrierte Stillsitzen beim Arbeiten an Schulaufgaben. Für Mone sind es exotische Quallen, die in den Wellen lauern und deren Fangarme einem beim geringsten Kontakt den Tod bringen. Für mich ist es das Davonlaufen vor dem Coronavirus.

Bereits in den ersten Tagen des Januars, bei unserem Spaziergang über die Grenze nach Myanmar, um das Thai-Visum zu verlängern, klebte bei der Wiedereinreise nach Thailand ein Din A4 Zettel am Grenzposten. „If you have been to Wuhan, contact authorities„. Für uns damals nicht einzuordnen, geschweige denn Ernst zu nehmen. Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt zu vertuschen, dass wir nicht im Besitz eines Flugtickets waren, das die geplante Ausreise aus Thailand nachweisen konnte und von dem wir dachten, wir müssten es vorweisen. Das (retrospektiv betrachtet) verdächtig nach Wuhanchinesen aussehende Pärchen vor uns wurde in ein längeres Gespräch mit den Grenzbeamten verwickelt und mir war klar: die haben kein Ausreiseflugticket. Die kriegen mächtig Ärger. Und als nächstes sind wir an der Reihe. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass der Drogenspürhund – ein überdimensionierter Schäferhund – seine Nase in meine Richtung reckte und anfing zu schnüffeln. Dem Grenzsoldaten neben ihm liefen wegen der Hitze Schweißperlen über die rasierte Kopfhaut. Ich überschlug im Kopf Bestechungsgeldsummen und Ausredegeschichten.

Kein Mensch hat an der Grenze etwas von Flugtickets wissen wollen. Die einzige Frage, die die Grenzbeamtin, die uns beim Ausfüllen der Departurecards half, stellte, war: Wollen die Mädels den Hund streicheln? Momente der Ungewissheit, bei denen es darum geht, einen kühlen (und somit kreativen, weil handlungsfähigen) Kopf und Geduld (Geduld, meine Nemesis!) zu bewahren, sägen an meinen Nervensträngen.

Während dem chinesischen Neujahr befanden wir uns auf Durchreise in Bangkok. Eine Herausforderung bestand darin zwischen gesundem Menschenverstand und Paranoia zu balancieren. Corona war noch jung und auf Wuhan/China/Chinesen beschränkt. Es war unklar, inwiefern Panik angesagt war, oder ob sich alles legen würde, sobald wir Bangkok den Rücken gekehrt hätten. Die Herausforderung zu diesem Zeitpunkt also geduldig die 4 Tage abzusitzen, bevor wir auf die Robinson-Insel flüchteten. Wir erprobten uns im Hände desinfizieren, im Mundschutz aufsetzen. Ich probte mich in Geduld. Alles immer ein bisschen Joke, alles ein bisschen halb so wild. Ungewiss, ob das denn alles bittere Wirklichkeit sein oder werden könne.


In Siem Reap dann der längste Stare Down mit Ungewissheit und Geduld, nachdem klar war, dass wir die extrem überteuerte Option, unseren Flug nach Australien vorzuverlegen, nicht ziehen würden. Inzwischen war klar, dass Corona größer war als Wuhan. Immer mehr Länder begannen sich zu wappnen, erste Reisebeschränkungen tauchten auf, Zahlen wurden genannt, verglichen, aktualisiert. Australien sprach Einreisebeschränkungen aus: do not attempt entry if you are travelling from: China…Iran…Korea…Italy… Gerüchte tauchten auf, dass die Grenzen zwischen Kambodscha und Thailand dicht machen würden. Wir recherchierten alternative Ausflugsrouten für Fluchtsituationen: Vietnam, Malaysia, Indonesien. Aber würde ein gebuchter Flug auch antretbar bleiben? Wäre es nicht besser abzuwarten? Was tun wenn Australien als nächstes Thailand oder Kambodscha auf die rote Liste setzt? Plan B (Hawaii) wurde durch die US Abschottung zunichte gemacht und ich verbiss mich vor lauter Ungewissheit wie es weiter gehen würde ins Plastik des Notebookbildschirms. Meine Nerven.

Wegen des ablaufenden kambodschanischen Visums, verbrachten wir 5 Tage als Transit an der Thai-Küste und beobachteten von dort, wie die deutschen Bundesländer eines nach dem anderen die Schulen ausknipsten. Aus Thailand sahen wir, wie die Kambodschaner die Grenzen hinter uns schloßen. Irina & Paulo, die mit uns in Siem Reap am Pool geplaudert hatten, wurden aus dem Bus nach Vietnam gezogen und zurück nach Siem Reap geschickt. Reisen wurde nicht nur ungewiss, das Los über Ankommen oder zurückgewiesen werden, entzog sich vollkommen der eigenen Planung und Kontrolle. Ich kaute Fingernägel und aktualisierte Webseiten. Loslassen im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich mich selbst dem Los des großen uneinsehbaren Plans zu überlassen, schien mir unmöglich.

Am Bangkoker Flughafen war meine größte Sorge, dass mich die Nervösität und Anspannung dazu bringen würden, die eingerichteten Coronaüberwachungs-Temperaturkontrollen zu sprengen. Fiebrig die Ungewissheit, ob wir nach Australien passieren dürfen würden. Irgendwo im Raum schwirrte immer die abstruse Möglichkeit, dass eine nicht bedachte Coronaschranke noch plötzlich vor uns fallen würde. Nichts fiel. Touchdown Australia.

Im gelobten Australien fielen die Schranken dann hinter uns gefühlt im Minutentakt. Ab dem Tag nach unsrer Ankunft galt 14-tägig Zwangsquarantäne, wenige Tage danach wurden die Grenzen geschlossen. Das Los hatte uns nach Australien schicken wollen, wir waren fürs Erste safe. Aber die Chose mit der Ungewissheit war immer noch nicht ausgefochten.

Während der ersten 2 Wochen rasselte es in Australien täglich. Jeden Tag hielt die Regierung Pressekonferenzen, wurden neue Einschränkungen ausgesprochen und wie im Rest der Welt die Mobilität runter und Isolation/Social Distancing hoch gefahren. Alle Pläne, die wir gemacht hatten, um die ursprünglichen Pläne zu ersetzen, mussten neuen angepassten Plänen weichen, die wir dann wiederum modifizierten, um dem aktuellen Tagesgeschehen gerecht zu werden. Wann müssen wir das Haus verlassen? Wie reagieren wir auf geschlossene Campingplätze? Dürfen wir noch einen Mietwagen leihen? Fällt ein Wohnmobil jetzt raus? Werden wir noch Mietunterkünfte finden? Inwiefern ist es ‚essential travel‚, wenn wir uns bewegen? In welche Kategorie `Reisende´ fallen wir? Gibt es Ansagen an Reisende mit Touristenvisa? O Katalog an Fragen des Ungewissen! O Einschränkungsbingo der demokratischen Staaten! O Flippermaschine des Reisens in Zeiten von dir, unsäglichem Corona!

Da wir uns in Australien inzwischen zumindest in einem Land befinden, in dem die Grundbedingungen nicht besser für uns sein könnten, ensteht der Raum sich die anstehende Frage anzuschauen und nach Antworten zu suchen: Wie gehst du mit Ungewissheit um? Und wie würdest du gerne reagieren auf unerwartetet Ereignisse?

Wir haben uns von den Gegebenheiten steuern lassen: Möglichkeiten sondieren und einen plausiblen Kurs festlegen. Dem Los eine höhere Hebelmöglichkeit zusprechen, als der eigenen Planung. Schnelle Veränderungen der Lage akzeptieren. Versuchen Ruhe zu bewahren. Spontan agieren. An Routen nicht festhalten.

Das Los hat es gut mit uns gemeint und wir haben die Reiselektion „Wenn es gut ist, dann bleibe“ beibehalten und ernst genommen. Auf dem Weg die Ostküste hinauf nach Sydney sind wir per Zufall auf eine Übernachtungsmöglichkeit gestoßen, die uns maximal zugesagt hat. Phil, der Besitzer des Cottages bot uns nach wenigen Tagen an, langfristig zu bleiben. Wir beschlossen hier Los zu lassen, Gebuchtes zu stornieren und uns einen Monat in Kioloa niederzulassen. Gewissheit schaffen für zumindest einmal die nächsten 5 Wochen. Dann können wir aufblicken und überprüfen, welche Karten in the meantime auf den Tisch geworfen wurden.

Bis dahin leben wir ein ruhiges und friedliches Leben, das in Zeiten von globalen Viruskrisen nicht schöner sein könnte. Das Häuschen ist klein und direkt am Nationalpark gelegen. Von der Veranda beobachten wir Kängurus, die durch die Vorgärten hoppeln und grasen. Bunte Vögel besuchen uns, schwarze Kakadus (die Boten der Ahnen) sitzen in den Bäumen, die Kookaburas lachen sich durchs Unterholz. Wir sind wieder abgekapselt vom Geschehen, wie auf einem Eiland. Lange Spaziergänge über leergefegte endlose Strände, Schoolingroutine am Morgen, Brettspiele, Einkuscheln auf dem Sofa, begrenzter Handyempfang die einzige WiFi Möglichkeit. Wir driften durch die Tage und wundern uns darüber, dass wir hier nur gelandet sind, landen konnten, weil die Dinge so kamen, wie sie eben gekommen sind.
Es ist mit Abstand die friedlichste und schönste Station unserer Reise, was für eine seltsame Fügung, dass sie gleichzeitig am längsten andauern darf.

Gleichzeitig haben wir akzeptiert und beschlossen, dass Australien die letzte Station der Reise sein wird. Wenn unsere Visa im Juni ablaufen, bleibt nur noch ein einziger möglicher Move übrig: Home.
Unser Hutzelhäuschen in Wieler dürfen wir bereits im Juli wieder beziehen (Thank you M.&M.!).

Beautiful people, in diesen unsicheren Zeiten denken wir an euch und hoffen, dass es euch gut geht.
Passt auf euch auf, be safe & take care.

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