Letter to a friend

J.

ich beginne da wo du aufgehört hast: es geht uns gut.

Thanks für deine Nachfrage & auch für deine lange, dein Leben reflektierende Mail.

[…]

Anstrengend leben, aber es dennoch nicht anders wollen – ein guter Leitsatz. Ich komme immer mehr zu dem Schluß, dass es ohne Anstrengung nicht geht, ich mal lernen sollte Anstrengung mit Gelassenheit und Willen entgegen zu treten & ich mir noch stärker im Klaren darüber sein sollte, in welchen Bereichen meines Lebens es sich lohnt, diese Anstrengung auf mich zu nehmen.

[…]

Und auch jetzt und hier geht es uns nicht nur gut, sondern wir haben Glück. Die letzten Tage in Asien waren eine nervliche Geduldprobe. Mir und Mone war es wichtig noch aus Kambodscha und Thailand raus zu kommen, um in einem Land zu sein, in dem wir von der Kultur, medizinischen Versorgung, Sprache und auch Anlaufstellen besser aufgestellt sind. Während wir gewartet haben, dass der Flug geht (Verschieben gescheitert), hat uns der Fluch der stündlichen Nachrichtenupdates fast in den Wahnsinn getrieben. Knapp 5 Tage nach unserer Ausreise aus Kambodscha wurden die Grenzen dort dicht gemacht, am Tag nach unserer Ankunft in Australien die 14-tägige Zwangsquarantäne hier ausgesprochen. Noch so ein Phänomen: immer wieder hat unsere Reisplanung gehakt und wollte nicht richtig zusammen passen, so haben wir z.B. zwei Anläufe nach Laos zu reisen nach jeweils ein paar Tagen verworfen, weil die Route, der Transport, die Unterkünfte nicht zusammenkommen wollten. Australien hingegen hat uns vom ersten Zuzwinkern mit Handküssen überschüttet.

Die Aussies (allen voran meine Kusine Chris) haben uns wahnsinnig liebevoll aufgenommen, am Flughafen abgeholt, zum Einkaufen gefahren und uns in ein Haus gesteckt, das gerade leer steht weil sich die Besitzerfamilie auf Trekkingtour in Nepal befindet. Das Leben hier wieder viel vertrauter – wir können uns überall verständlich machen, wir verstehen die öffentlichen Verkehrsmittel, wir haben Platz, die Luft ist klar und frisch, wir können um den Block und durch den Park spazieren. Australien hat sich für mich schon immer angefühlt wie Heimat und dazu kommt jetzt die Erleichterung nicht in einem asiatischen Krankenhaus zu landen, in das uns ein uniformierter Trupp führt und uns in einen Wartesaal hustender Menschen schiebt (Stereotypisiertes Paranoiaszenario).

Aber: auch hier gibt es natürlich ein einziges Thema: the Virus. Egal ob ich verfolge wie in Europa ein Staat nach dem anderen auf Stand-By schaltet, ich mitbekomme wie direkt Zuhause das Leben runterfährt, oder ich hier Zeitung lese und Infektionen steigen, Rezensionsängste diskutiert werden. Alles spricht Corona. Für uns stellen sich viele Fragen. Von sehr sehr banalen Dingen wie: kann ich einen Post auf den Blog stellen, oder auf Insta, der zeigt wie wir im Botanical Garden sitzen und einen Muffin mampfen, oder ballern mir dann die eingeschränkteren Leute ein #staythe fuckhome! an den Kopf? Heimlich spreade ich also die Nachricht „Wir sind okay, es geht uns gut“ und schicke ein schüchternes Bild hinterher.
Relevantere und ernstere Fragen: wie geht es hier weiter? Nur eine Frage der Zeit, bis Joan und ihre Familie den Nepaltrekk abbrechen müssen und zurück in ihr Haus wollen werden. Bis dahin: ein Plan muss her! Sollen wir trotzdem in die Nationalparks zum Zelten? Bekommen wir denn überhaupt noch einen Mietwagen? In Sydney wartet eine Einliegerwohnung – das könnte eventuell sogar ein Ort sein wo man in Quarantäne/Isolation leben kann…Bedeutet Rückholaktion von Deutschen Urlaubern auch, dass wir uns melden müssen? Oder geht es um festsitzende Reisende in Ägypten, die nicht nach Hause können, weil ihre Flüge gestrichen wurden? Was aber, wenn bald hier auch internationale Flüge gestrichen werden? Was würde uns zu Hause erwarten, wenn wir jetzt die Reise abbrechen? Was sind realitische Optionen in Deutschland? Was wenn unsere Eltern Corona bekommen und wirklich bedrohlich erkranken? Was wenn wir dann gar nicht schnellschnell nach Hause fliegen können?

Den Mädels geht es gut, die Kleinen sitzen im Wohnzimmer und spielen Lego, Mia schläft den unbedarften Schlaf des Teenagers. Mone liest in der Küche und trinkt einen Kaffee, ich sitze auf der Veranda, tippe die Mail an dich und schaue ab und zu auf, weil ein Galah, Rosella oder Lorikeet im Garten auftaucht (alles Papageienarten – das Vogelbeobachtungsherz schlägt höher). Es ist so ruhig und friedlich, dass es mir schwer fällt mir klar zu machen, dass die Welt sich im komplett irrwitzigen Ausnahmezustand befindet.

Momentan ist mein Gefühl, dass solange keine drastischen Einschränkungen des öffentlichen Lebens ausgesprochen werden (hier sind bisher Zusammankünfte 100plus verboten, Gallerien, Museen, Sport, Unis, etc. geschlossen, aber Schulen haben noch auf), wir weiter reisen werden. Immer schön weg von Menschen bleiben, Städte meiden, für uns bleiben. Vermeiden der Ansteckung/Weitergabe & Solidarität mit der Gemeinschaft. Mobile Selbstisolation.

Sollte das entsprechende Zeichen kommen, muss der Logistiker sein Bestes tun, um uns nach Deutschland zu schiffen. Mehr Moves haben wir nicht mehr im Ärmel.

Ich hoffe dir/euch geht es ebenfalls soweit gut, dass die wichtigen Dinge stimmen und sich die Circumstances entsprechend im Laufe der nahen Zukunft wieder entspannen. Pass du mal gut auf deine Mädels auf. Ruhe, Besonnenheit, kluge Entscheidungen, Gelassenheit und Geduld wünsche ich uns. Lass von dir hören &

take care

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