Ankommen, Bleiben, Aufbrechen.

Vom Ankommen…

Jedes neue Ankommen ist ein neues Ankommen.

Immer wieder befinden wir uns in der Situation, dass ein Flieger, ein Bus, ein Taxi uns ausspuckt und wir inmitten von Unbekanntem stehen, die Kinder und das Gepäck um uns gescharrt, an uns geklammert und wir erst einmal tief durchatmen müssen, bevor wir uns dann in den Dschungel des Neulands stürzen. Mone und ich beobachten hierbei, dass wir uns oft an denselben Mustern und Abfolgen verstolpern, wenn wir an einem neuen Ort ankommen.

Die ersten 24 Stunden are always fucked.

Eine Herausforderung des Ankommens ist, dass es am Ankunftsort selten bis nie so ist, wie man es gewohnt war. Die eigenen Vorstellungen und Erwartungen stimmen seltenst mit der Realität, die einem zur Begrüßung rechts und links die Küsschen auf die Wangen haucht, überein. Das ist nicht im negativen Sinn zu verstehen, sondern als allgemeine Faustregel. In den ersten Momenten, Stunden, ist man erst einmal der Fremdkörper im bestehenden System und muss sich mit der Aufgabe auseinander setzen, wie man sich einfügt.

Die eigene Wahrnehmung ist niemals so subjektiv und divenhaft zickig wie in den ersten 24 Stunden an einem neuen Ort. Erst einmal wird alles mit den vorhergehenden Erfahrungen abgeglichen (war freundlicher; ist dunkler; zu heiß; zu alt; anstrengend; war sauberer; war leckerer; schon okay, aber ist halt nicht wie…) und von uns abgewatscht. Wir befinden uns oft in einer schier körperlich fühlbaren Konfrontation mit dem Neuland.

Es erfordert Mut, Offenheit und Neugier, um sich von der ehemals vertrauten Umgebung auf das Erkunden und Abtasten des Neuen einzulassen. Erst jetzt erkennt man langsam, wie hier die Gegenheiten sind, was den Ort und seine Besonderheit ausmacht. Erst dann, wenn wir die Umgebung gescannt haben, uns hineingeworfen haben, sollten wir unserer Wahrnehmung trauen und uns Einschätzungen, Urteile und vor allem Entscheidungen erlauben.

Dadurch, dass wir schon lange nicht mehr auf Boris unendliches Fsassungsvermögen zurückgreifen können, sind wir hier natürlich viel weniger autarkunterwegs. Wir haben keine Wasserreserven dabei, keine Lebensmittelkisten, keinen Kocher, Besteck, Brettchen, Teller, etc. Vor allem die Nahrungssuche rhythmisiert unseren Tag und erfordert auch immer Laufstrecken. Wir sind viel stärker darauf angewiesen, mit dem Umfeld in Kontakt zu treten und eine Ko-Existenz einzugehen.

Hier in Asien ist dieses Anknüpfen für uns noch eine Nummer komplexer als auf der Ibero-Tour. Die Kommunikation gleicht oft Improvisationstheater, weil wir nicht auf die gemeinsame Sprache, Schrift und Kultur zurück greifen können, um Brücken zu schlagen. Wo fährt welches Boot? Sind 200 Baht ein guter Preis für die Taxifahrt? Gibt es in der Nähe einen 7-Eleven (Supermarkt)? Kann man das essen? Darf man das fette Schwein im Hausflur anfassen? Sind die freilaufenden Hunde gefährlich? Ist da Strom drauf? Kann man in den Pool? Braucht man hier ein Moskitonetz? Wann fahren Busse? Wie bekomme ich mein Gepäck dort hoch? Muss ich hier die Schuhe ausziehen? Wann wird von mir erwartet, dass ich bezahle? Wohin führt die Straße?

…vom Bleiben…

Aufgabe: Autonomie ermöglichen.

Entsprechend der Unsicherheit zu Beginn, bewegen wir uns zu fünft anfangs oft im Pulk: Alle gehen jetzt frühstücken. Alle gehen jetzt an den Pool. Jetzt ist Lesezeit. Jetzt wollen wir Obst suchen gehen. Jetzt gehen wir zum Bungalow/Zimmer. Jetzt brauchen wir Wasser.

Die Folge dieser Schwarmbewegung ist, dass wir den Autonomiebedürfnissen der einzelnen Familienmitgliedern weniger nachkommen. Wenn z.B. Hunger groß ist, müssen alle zum Essen mitgehen. Das verhindert aber, dass die einzelnen Familienmitglieder ihren persönlichen Bedürfnissen (Hund, Lesen, Ruhe, Bewegung) nachkommen können. Es herrscht Familienutilitarismus: das größte Gut für die gesamte Gruppe bestimmt die Abläufe, es enstehen viele Kompromisse, viele Vernunftsentscheidungen – Bedürfnisse clashen oder werden übergangen, es entsteht Unzufriedenheit.

Erst nach dem Abstecken der „Do’s & Don’ts“, der „We have to’s“ und der „that’s possible’s“ beruhigt sich das Gebilde. Mit mehr Sicherheit können die einzelnen Familienmitglieder in eigenständiger Bewegung gehen, um das Mobile auszubalancieren.

Zum zweiten Mal befinden wir uns momentan in Chiang Mai, einer Stadt, die uns vom ersten verliebten Blick über ihr mit Tempeldächern bestreutem Dächermeer fasziniert hat. Nach knapp einer Woche sind die Pfade ausgetreten und wir bewegen uns mit Zielsicherheit entlang der Stationen unserer täglichen Routinen.

Wir haben für uns festgestellt, dass wir uns beim Reisen immer dann besonders wohl fühlen, wenn wir länger an einem Ort bleiben können. Für uns ist es wichtig die Straßen, Viertel, Flußläufe, Gassen abzulaufen, kennen zu lernen, um dann die Orte, die uns gut tun wiederholt anzusteuern.

Hier gibt es morgens fantastischen Kaffee.
Hier ist ein gutes Veggie Restaurant.
Hier wohnen Katzenbabies.
Hier gibt es immer eine nette Begegnung zum Thai Milk Tea.
Hier darf man in der Küche zuschauen.
Hier ist die Sonne am späten Nachmittag wunderschön.
Hier kann man frisches Obst kaufen.
Hier gibt es das beste Kai Soi Gai.
Hier kann man Vögel beobachten.
Hier gibt es gute Massagen.
Hier kommt man einfach zur Walking Street.
Hier ist der beste Night Market.

…und vom Aufbrechen.

Den Ort erkunden, bedeutet mit dem Ort verwachsen. Das Bleiben ist dann schön, die Trennung ist schmerzhaft. Gerade hatte man sich so bequem eingerichtet, waren die Abläufe perfekt abgestimmt, hatten wir alle über den Tag verteilten Bedürfnisse im Blick und abgedeckt. Wenns gut war, tut das weggehen halt weh.

An unserem letzten Morgen im Secret Garden, unserer Location für Weihnachten und Neujahr, stand ich früh morgens unter den riesigen Bäumen.
Die Vögel waren schon eine Weile wach und trompeteten dem Tag entgegen,
diffuse Sonne sägte sich durch grünes Geäst,
kühle Luft,
die Siebträgermaschine schnaufte sich auf Betriebstemperatur,
der Bürgermeister des Dorfes beschallte die Gegend per Lautsprecheranlage mit den neusten Gemeindeereignissen (wie jeden Morgen um 7:30)
und mir war klar, wie schwer es mir fallen würde zu gehen, wie schmerzhaft es war den Ort und seine Menschen zu verlassen
und wie aber dieses Weiterziehen gleichzeitig richtig war und okay und ehrlich und auch die einzige denkbare Möglichkeit.

Dieses Gefühl, diesen Gedanken,
faltete ich Origami-like zu einer Papierschwalbe
und warf diese in Richtung des neuen Jahres,
auf dass sie mich fortan begleiten möge.

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